Das Obbacher Kriegerdenkmal
 
Darstellung und Interpretation
 Fotos und Texte: Pfarrer Wolfgang Brändlein

Das Kriegerdenkmal in Obbach steht direkt vor der Evangelischen Kirche auf der Höhe der Dr.-Georg-Schäfer-Straße (früher: Hauptstraße).
Es ist ein stilvolles Denkmal, das in einer kleinen Anlage steht, die seit Jahren von Berthold Siegmann liebevoll gepflegt wird. 

Die Ursprünge des Kriegerdenkmals liegen in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Der Entwurf für das alte Denkmal stammt von B. Brand (Bad Kissingen).
Fast alle Elemente des heutigen Denkmals stammen aus dieser Zeit. Lediglich die beiden Platten mit den Namen der Gefallenen des 2. Weltkriegs kamen nach 1945 dazu. 

Sehr beeindruckend ist die Darstellung der beiden verletzt aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten. Sie kommen so gar nicht als strahlende Helden daher: Sie haben den Krieg (1.WK) verloren und haben mit angesehen müssen, wie viele ihrer Kameraden ums Leben kamen. Dass man diese Erinnerungen nicht einfach abschütteln kann, ist dem Denkmal abzuspüren.

"Nie wieder Krieg!" ist die heimliche Überschrift über diesen beiden Kriegsheimkehrern. Einer der beiden hat eine Kopfverletzung, die versorgt und verbunden ist. Sein Kamerad hat seine rechte Hand ergriffen; er führt ihn jetzt nach Hause, während der Verletzte sich kraftlos und mit gesenktem Blick führen lassen muss und sein Gewehr als Krücke einsetzt. Er scheint abgemagert zu sein, denn der Gürtel schnürt tief ein. Dabei können beide noch froh sein, mit dem Leben davon gekommen zu sein.

Sowohl Isidor Fleischmann als auch Max Sommer waren Obbacher Juden, die 1914 als deutsche Juden in den 1. Weltkrieg gezogen waren und  gefallen sind, Fleischmann 1914, Sommer 1918. 

 

Sehr beeindruckend sind die beiden Halbreliefs, rechts und links neben dem Mittelteil. 
Das linke Relief
 

Das linke Relief zeigt, wie sich ein Mann von seiner Frau und seinem kleinen Kind verabschiedet. Das Kind ist noch recht klein. Mit seiner rechten Hand hält es seinen Vater an der Uniform fest: "Bleib doch bitte da!", scheint es zu sagen. 

Seine Frau weint; sie weiß, dass sie ihren Mann lange nicht wiedersehen wird - vielleicht auch gar nicht mehr. Weinend fügt sie sich in das Unvermeidliche.

Seine Kameraden haben sich schon zum Abmarsch aufgestellt. Sie tragen die Pickelhaube, wie Soldaten es im Kaiserreich getan haben.

Einer trägt eine Kriegsfahne, ein Zweiter hat seinen Säbel gezogen, die anderen schultern ihr Gewehr.

 

 

 

Unzählige Frauen in unzähligen Ländern haben zu allen Zeiten ihren Männern nachgeweint, wenn diese in den Krieg ziehen mussten.
Das kleine Kind will seinen Papa gar nicht loslassen. Und der Vater weiß, dass er seiner Frau und seinem Kind sehr fehlen wird.
Ein letzter Blick, ein intensiver Händedruck, vielleicht ein letzter Kuss - und das Wagnis beginnt. 
Das rechte Relief
Das rechte Relief zeigt die glückliche Heimkehr des Soldaten. Mann und Frau berühren sich, können sich nach Jahren der Trennung wieder endlich wieder sehen. Eine erste Berührung - ob alles wieder so sein wird, wie vor Jahren? - Neun Obbacher Männer erlebten die Heimkehr nicht mehr - und ihre Familien trauerten sehr um sie. 

Das Kind ist nun schon größer. Es trägt einen Blumenstrauß, den es wohl selber für den Vater gepflückt hat. 
Ein verstecktes Thema der beiden Relieftafeln sind die "verlorenen Jahre": Jahre, die Mann und Frau in ihrem gemeinsamen Leben verloren haben; Jahre, die der Vater mit seinen Kindern und die die Kinder mit ihrem Vater verloren haben. 
Aber er lebt ja noch; viele andere sind auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs elend verblutet. 

Der Heimatgemeinde hat ihre im Krieg gefallenen Männer als "Helden" bezeichnet. Dies ist eine übliche Bezeichnung.
Viele Heimkehrer der beiden Kriege haben sich selbst gar nicht als Helden verstanden. Sie hatten das Elend des Krieges miterlebt, ihn vielleicht verletzt und schwer beschädigt überstanden. Sie hatten schreckliches Leid gesehen und nun schlimme Erlebnisse zu verarbeiten. Vielen war eine heroische Haltung fremd.

Das Obbacher Kriegerdenkmal ist kein Heldendenkmal im klassischen Sinne. Es interpretiert die Wirklichkeit des Krieges nicht heroisch um. Krieg ist immer schlimm und Ursache vielfältigen Leids. Das Denkmal verschweigt dies nicht. Es ist eine eindringliche Mahnung zum Frieden und lädt zum stillen Nachdenken ein, zur Besinnung und zum Verweilen. 

Die Obbacher Bevölkerung trifft sich jedes Jahr am Volkstrauertag, um in einer würdigen Feier der Toten beider Weltkriege und zugleich aller Opfer von Zwangsherrschaft und Krieg zu gedenken. Die Toten sind nicht vergessen - nicht von den Menschen, nicht von Gott. Zugleich ist die Gedenkfeier, die Jahr für Jahr vom Ökumenischen Kirchenchor und vom Evangelischen Posaunenchor Euerbach-Obbach ausgestaltet wird, eine kräftige Mahnung zum Frieden.

 

 
Namen der Opfer des 2. Weltkrieges
 Unter den beiden Relieftafeln sind die Namen der Opfer des 2. Weltkrieges aufgelistet. Die Namen, Geburtsdaten und der Tag des Todes bzw. das Jahr, in dem derjenige vermisst wurde, sind >>> hier zu finden.